Komplexität

Die (Wirtschafts-) Welt vernetzt sich zunehmend. Wertschöpfungsketten werden in immer feingliedrigere, global verteilte Stufen aufgespaltet. Mehr Beteiligte in einen Prozess einzubinden bedeutet, mehr Schnittstellen zwischen den Beteiligten bewältigen zu müssen. Und mehr Schnittstellen erhöhen die Fragmentierung und den Abstimmungs- und Koordinationsbedarf. Außerdem nehmen durch die globale Verkettung und Vernetzung die gegenseitigen Abhängigkeiten zu (Interdependenzen). Maßnahmen, die zu steigender Effizienz führen, wie der Abbau von Sicherheitsbeständen und die Beseitigung von Redundanzen, tragen gleichzeitig dazu bei, dass Systeme empfindlicher gegen Störungen werden. Die Anzahl der möglichen Ereignisse und Zwischenfälle nimmt mit steigender Anzahl an Beteiligten überproportional zu. Sowohl die Möglichkeiten der Verkettungsschaltung als auch die Ausfallwahrscheinlichkeit nehmen exponentiell zu.

Die Vielfalt möglicher Ergebnisse steigt mit der Anzahl der Verknüpfungsmöglichkeiten. Dadurch wird die Güte der Verbindungen und Beziehungen zu einem kritischen Erfolgsfaktor.

Stellen wir uns nun vor, dass außerdem verschiedene Ketten an beliebiger Stelle miteinander verbunden und an anderer Stelle wieder voneinander getrennt sein können und dass sich diese Konstellationen über den Zeitverlauf ändern können, erhalten wir einen Eindruck von der Vielfalt der Möglichkeiten und der damit einhergehenden Komplexität. So wird es verständlich, weshalb Vorkommnisse, die früher auf eine Einzelwirkung beschränkt waren, sich zunehmend auf andere Geschehnisse auswirken, und zwar länder-, kontinente-, branchen- und technologienübergreifend. An beliebiger Stelle treten Wirkungen auf, die an ganz anderer Stelle ihre Ursache haben können. Dabei muss die Ursache noch nicht einmal ein ähnliches Ausmaß wie die Wirkung aufweisen und kann auch zeitlich versetzt liegen. Verdrängen wir als Manager dieses Phänomen, drohen wir der Falle der Fragmentierung und der Falle der Myopie gleichzeitig zu erliegen.

In der Wirtschaftspraxis kennen wir viele Auslöser unabsehbarer Wirkungen, die in verschiedenen Ausprägungen miteinander verknüpft auftreten können. Mögliche Unstetigkeiten wie Technologiesprünge in Zulieferbranchen, Markteintritte durch neue Marktteilnehmer aus benachbarten Branchen oder aus Emerging Markets[i], Änderungen kundenseitiger Prozesse oder Arbeitsweisen[ii] und veränderte Marktkonstellationen[iii] verändern die Planungsprämissen und die Handlungsmöglichkeiten. Eine präzise Berücksichtigung solcher Faktoren in der Planung ist nicht möglich. Diese nicht-triviale Erkenntnis ist wesentlich für den adäquaten Umgang mit Komplexität. Die Zahl möglicher Entwicklungen steigt und mit ihr die gefühlte Unsicherheit.

Was verstehen wir unter „Komplexität“ genau?

Der Begriff stammt vom lateinischen Wort „complexus“ ab, was so viel heißt wie das Umfassen, die Verknüpfung. Mit „komplex“ werden Eigenschaften wie vielschichtig, allseitig, umfassend bezeichnet.[iv] Komplexität ist nach Härtl als eine Eigenschaft eines Systems oder Modells definiert, welche die Beschreibung seines Gesamtverhaltens in einer beliebigen Sprache erschwert, selbst wenn man über vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen verfügt.[v] Liegt Komplexität vor, werden die Systemeigenschaften offenbar nicht durch die Summe der Eigenschaften der Komponenten bestimmt, sondern durch das Zusammenspiel der Komponenten. Ein komplexes System definiert sich also aus den multiplen und sich dynamisch verändernden Verbindungen zwischen seinen Elementen. Darauf gehe ich unten näher ein. Ist gar keine Regel erkennbar, sprechen wir von Chaos[vi], dem Zustand vollständiger Unordnung. Mit der Chaosforschung im Zusammenhang mit nicht linearen, dynamischen Systemen setzen sich die Disziplinen Mathematik, Physik auseinander.

    „Nichts kann existieren ohne Ordnung – nichts kann entstehen ohne Chaos.“ Albert Einstein

Wie äußert sich Komplexität?
Nun gibt es offensichtlich Sachverhalte mit unterschiedlichen Komplexitätsgraden. Um angemessen agieren zu können, ist es wichtig, den tatsächlich vorliegenden Komplexitätsgrad von Situationen und Umfeldern richtig zu erkennen. Wir kennen folgenden Kategorien: (i) einfache Sachverhalte, (ii) komplizierte Sachverhalte, (iii) komplexe Sachverhalte und (iv) chaotische Sachverhalte.

Einfache Sachverhalte zeichnen sich dadurch aus, dass es auf Fragen genau eine richtige Antwort bzw. bei Problemen genau eine Lösung und oft genau einen Lösungsweg gibt. Aufgabenstellungen bei einfachen Sachverhalten lassen sich durch die Anwendung von „Best-Practice“-Ansätzen gut bewältigen. Beispiele für einfache Sachverhalte sind administrative Vorgänge wie die Buchung von Belegen oder die Erfassung von Aufträgen. Der Umgang mit solchen Aufgaben kann in Verfahrensanweisungen hinreichend klar beschrieben werden. Einmal erworbene Denkmuster und repetitive Tätigkeiten, die eine hohe Lernkurvenexplotation und Effizienzsteigerungen durch Automatisierung und direkte Leistungsmessung erlauben, führen zum Erfolg. Zur Lösung von Aufgaben bei einfachen Sachverhalten werden üblicherweise Sachbearbeiter und Facharbeiter eingesetzt.

Bei komplizierten Sachverhalten liegt die beste Lösung nicht immer sofort auf der Hand. Typischerweise bieten sich verschiedene Lösungswege  und unterschiedliche Lösungen an, die erst erkannt und dann gegeneinander abgewogen werden müssen. Die beste Lösung ist bei komplizierten Sachverhalten in der Regel nicht evident, aber prinzipiell wissbar. Wissenslücken können problemlos durch Ergänzung des unmittelbar verfügbaren Wissens geschlossen werden. Entscheidungen können also aufgrund vollständiger Information getroffen werden. Beispiele für komplizierte Sachverhalte sind Konstruktionsaufgaben. Zur Lösung von Aufgabenstellungen bei komplizierten Sachverhalten können Best Practices nicht unmittelbar eingesetzt werden; vielmehr wird Methodenwissen wie Logik, Systematik, Scoring, etc. gebraucht, um Lösungswege zu finden. Üblicherweise werden Experten zur Bewältigung von Aufgabenstellungen in komplizierten Sachverhalten eingesetzt.

Bei komplexen Sachverhalten bietet sich typischerweise kein Lösungsweg und keine Lösung unmittelbar an. Entscheidungen müssen prinzipbedingt aufgrund unvollständiger Information getroffen werden. Man muss sogar erkennen und akzeptieren, dass gewisses Wissen nicht verfügbar ist (Nicht-Wissen). Da in der Regel keine durch mathematische Funktionen beschreibbaren Zusammenhänge unmittelbar erkennbar sind, greifen einfache logische Lösungsansätze nicht. Unberechenbarkeit und Wandel sind eng mit komplexen Sachverhalten verbunden. Es scheint keine begründbar „richtigen“ Antworten zu geben, die Bestand haben. Als Beispiele möchte ich die Beobachtung immer größerer Budgetabweisungen und geplanter Szenarien, die nicht eintreten, anführen. Unkonventionelle Herangehensweisen wie das Verfahren der Mustererkennung, kombiniert mit geführtem Experimentieren und das Beibehalten möglichst großer Flexibilität können in komplexen Umfeldern brauchbare Lösungen herbeiführen. Aber auch einfach abzuwarten, bis sich Konturen abzeichnen, die eine bessere Einschätzung der Lage ermöglichen, kann ein Erfolg versprechender Lösungsansatz sein. In komplexen Umfeldern werden voraussichtlich weder Sachbearbeiter noch Experten, die sich mit den unterliegenden Sachthemen auskennen, zu Lösungen kommen. Gebraucht werden eher Experten, die auf einer Metaebene nach Lösungen suchen, beispielsweise durch das Data-Mining-Verfahren.

Jenseits komplexer Sachverhalte liegen chaotische Sachverhalte, die überhaupt keinen vernünftigen Lösungsweg und keine vernünftige Lösung nahelegen. Chaotischen Sachverhalten liegen nämlich gar keine logischen Muster zugrunde. Als einzige Lösung bietet sich deshalb an, auf Ereignisse zu reagieren, und zwar vordergründig zur „Schadensbegrenzung“, und dadurch in zweiter Linie wieder zu Stabilität zurückzuführen. In chaotischen Umfeldern sind „Trouble Shooters“ und frei denkende Gestalter, die sich für Neues begeistern, in ihrem Element, die idealerweise von Systematikern geführt werden. Es wird deutlich: Wenn die mit einer Aufgabenstellung verbundene Komplexität nicht richtig eingeschätzt wird, erhöht sich das Risiko des Scheiterns.

Aus zwei Gründen lohnt sich eine Beschäftigung mit komplexen und chaotischen Sachverhalten: (i) gehe ich davon aus, dass für den Umgang mit einfachen und komplizierten Sachverhalten in der Wirtschaftspraxis genügend Verständnis vorliegt und (ii) neigen wirtschaftliche Zusammenhänge offenbar dazu, sich zu höheren Komplexitätsgraden zu bewegen. Dadurch steigt die Relevanz für Beiträge zur Bewältigung von Aufgaben in komplexen und chaotischen Umfeldern.

Bei der Lösung komplexer Problemstellungen stoßen wir an Grenzen, weil in nicht-linearen Systemen Wirkungen nicht proportional zu Aktionen oder Ursachen sind. Ein wesentliches Phänomen der Komplexität ist nämlich, dass neue Eigenschaften nicht durch Addition der Eigenschaften der beteiligten Elemente, sondern durch die Art des Zusammenwirkens der Elemente auftreten. Hieraus erschließt sich auch die Definition des Komplexen als eine Konstellation, in der sich das Verhalten eines Systems nicht aus der Anordnung und Beschreibung der beteiligten Elemente ergibt. Komplexe Systeme verfügen also über Eigenschaften, die nicht in den Elementen des Systems angelegt sind; sie verfügen vielmehr über Metastrukturen, die sich nicht aus den einzelnen Elementen erschließen lassen. Offenbar sind in den Relationen zwischen den Elementen (etwa in der Art der Kommunikation, in der Art des Umgangs, in den Prozessen) zusätzliche Informationen angelegt, die für das Verhalten von Systemen ausschlaggebend sind.

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Dieser Text ist ein angepasster Auszug aus: Boysen, Werner: Management Turnaround – Wie Manager durch Enzymisches Management wieder wirksam werden, Gabler Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8349-1610-5, S. 29-32.

 

[i] Man denke etwa an nicht gebührend wahrgenommene indirekte Wettbewerber, die Alternativen anbieten, oder an neue Anwendungen, die sich aus technologischen Konvergenzen ergeben, beispielsweise zwischen der Informationstechnologie, der Unterhaltungselektronik, der Telefontechnik und der Satellitentechnik oder zwischen der Informationstechnologie, der Nanotechnologie und der Biotechnologie.

 

[ii] Beispielsweise die Entscheidung, Wertschöpfung in Niedriglohnländer oder näher an wachsende Absatzmärkte zu verlagern.

 

[iii] Man denke an Firmenzusammenschlüsse, Allianzen oder Akquisitionen.

 

[iv] Quelle: Meyers, Band 12, S. 85.

 

[v] Nach Härtl, Holden: [Implizite Informationen].

 

[vi] Der Begriff Chaos leitet sich aus dem Griechischen ????, cháos (= Unordnung) ab und steht im Gegensatz zum Begriff ebenfalls griechischen Ursprungs Kosmos (= Ordnung).