Umgang mit den Grenzen des Wirtschaftswachstums und Suche nach neuer Stabilität

Dieser Beitrag gibt Organisationsentwicklern eine Argumentationshilfe dafür, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt begrenzt ist und dass ein eindimensionales Streben nach quantitativem Wachstum deshalb nicht sinnvoll sein kann. Leser werden darin bestätigt, dass künftig Fähigkeiten, mit denen qualitative Wachstumsdimensionen erschlossen werden können, über den Erfolg entscheiden. Organisationen, die über diese Fähigkeiten verfügen, werden sich voraussichtlich im Vergleich zu anderen besser entwickeln und ein relatives Wachstum innerhalb eines natürlich begrenzten Gesamtmarktes erzielen können. Ich spreche mich bewusst nicht grundsätzlich gegen Wachstum aus; Unternehmen, die in ihren Geschäftsfeldern nachhaltig wirtschaften, können und sollen durchaus gesund wachsen, aber mit Maßen, in Kreisläufen und, wenn möglich, vor allem in qualitativer Hinsicht. Oft gibt es beeinflussbare Wachstumsgrenzen, die durch geeignete Maßnahmen aufgelöst werden können. Um die Situation treffend einzuschätzen und angemessen zu handeln, ist ein gutes Verständnis der Systemzusammenhänge erforderlich. Welche Mechanismen hemmen weiteres Wachstum? Können diese Mechanismen beeinflusst werden? Kann die Wirkung solcher Mechanismen vielleicht sogar invertiert werden, so dass sie das Wachstum unterstützen?

Gelingt dies nicht, ist das Gesamtwachstum offensichtlich definitiv begrenzt; erfolgversprechende Strategien müssen dieser Einsicht entsprechen.

 

1          Die Grenzen des Wirtschaftswachstums

Wirtschaftswachstum wird vermeintlich als die Grundlage für Wohlstand verstanden. Ist mehr Arbeit zu verrichten, erhöhen sich das Einkommen für die Beteiligten und der Wert des Geschaffenen – so die gängige, verkürzte Formel. Nach vielen Jahrhunderten sehr mäßigen Wirtschaftswachstums hat sich das Wachstum seit Beginn der Industrialisierung gegen Ende des 18. Jahrhundert exponentiell beschleunigt.

Tatsächlich hat dieses beschleunigte Wachstum vordergründig Vielen Wohlstandsgewinn eingebracht – weltweit. Aber wir bei aller Zufriedenheit mit dem Wachstum haben wir (i) nur eine Seite der Medaille betrachtet und wir haben uns (ii) nicht mit der Realität auseinandergesetzt, dass dieses Wachstum begrenzt ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte, von Dennis Meadows et al. verfasste Bericht „The Limits of Growth“ zur Lage der Menschheit wies ausdrücklich auf die Grenzen des Wachstums hin. Meinhard Miegel geht in seinem Anfang 2010 bei Propyläen in Berlin erschienenen Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“ sehr treffend auf das Thema auf gesellschaftlicher Ebene ein. In Anknüpfung an Miegels scharf formulierte und äußerst fundierte Gedanken auf Makroebene und unter Einbeziehung der wertvollen Ideen und Anregungen zum Klimaschutz, die Nicholas Stern in „Der Global Deal“, C. H. Beck, München 2010, zusammengetragen hat, stelle ich hier den unmittelbaren Bezug zur Unternehmenspraxis her.

Die zweite Seite der Wachstumsmedaille zeigt die Belastungen, die das Wachstum verursacht. Menschen werden mitunter bis an ihre persönliche Grenze belastet oder freigestellt. Gleichzeitig werden sie aber durch funktionierende Werbung, unterstützt durch gesellschaftliche Mechanismen, zu zuverlässigen Verbrauchern erzogen und abhängig gemacht. Tieferer Sinn des Lebens wird gegen kurzfristig wirkende, aber schnell verblassende Lust, gesellschaftlichen Status und Bequemlichkeit in jeder Hinsicht getauscht. Mit dieser Abhängigkeit werden Menschen in industrialisierten Gesellschaften zunehmend fremdgesteuert. Studien belegen, dass die Zufriedenheit von Menschen nicht positiv mit ihrem materiellen Wohlstand korreliert und dass soziales Engagement sogar schwindet. Die Natur – einschließlich unserer selbst – wird in extensiver Weise als Rohstoff-, Energie- und Leistungsquelle „verbraucht“, und nicht in Maßen und in einer Kreislaufwirtschaft genutzt.

Getrieben von vermeintlich notwendigen Wachstumszielen belasten wir systematisch unsere sozialen Bindungen, Familien, Freundschaften, soziale Sicherungssysteme, Wälder, Meere, unser Trinkwasser und sogar die Luft, die wir atmen. Und wir verzehren nicht-erneuerbare Ressourcen ohne Ressentiments – als einziger Wermutstropfen wird der Preis wahrgenommen, der unmittelbar für die Ressourcen zu zahlen ist. Wir beschleunigen den Klimawandel und gehen sehenden Auges auf bereits absehbare global wirksame Katastrophen, gewaltige damit verbundene soziale Konflikte zu. Erstaunlich ist, dass wir diese Zusammenhänge durchaus erfassen, sie aber in unserem Tun weitgehend ignorieren. Durch unser Verhalten verschulden wir uns nicht nur finanziell, sondern vor allem an der Natur und an unserem Umfeld in unverantwortlicher Weise. Rechnen wir diese wachstumsbedingten Lasten und Verluste einschließlich sachgerechter Rückstellungen für künftig notwendige Ausgleichsmaßnahmen mit dem Nutzen auf, den wir aus dem noch erzielbaren Wachstum ziehen, sieht die Gewinn- und Verlustrechnung erschreckend aus. Wachstum als Selbstzweck rechnet sich offensichtlich nicht. Außerdem ist das Wachstum selbst endlich und nur noch sehr begrenzt fortsetzbar, aber die Spuren, die das Wachstum bis dahin hinterlassen hat, bleiben.

Die Grenze des Wachstums zeigt sich jetzt in den frühindustrialisierten Ländern, die bereits einen erheblichen Weg auf der Wachstumskurve beschritten haben. In diesen Ländern haben sich die Wachstumsraten bereits merklich verringert. Sie nähern sich asymptotisch Grenzwerten an. Jedes weitere Quantum Wachstum, das noch erreicht werden soll, verlangt offensichtlich deutlich mehr Aufwand als bisheriges Wachstum. Wachstum als das Heilmittel im globalen Wettbewerb zu betrachten, ist sinnlos.

Viele Organisationsentwickler ahnen bereits, dass es irrational und sogar ver-antwortungslos ist, weiteres quantitatives Wachstum trotzdem als das Heilmittel gegen die in den frühindustrialisierten Ländern allseits zunehmende Verschuldung und die sich verschärfenden sozialen Probleme zu propagieren. Solange Wachstum allerdings von Führungskräften als der Stellhebel betrachtet wird, muss die Gesellschaft Wirtschaftskrisen als solche hinnehmen und wird daraus resultierende soziale Probleme lediglich als Ausnahmezustand betrachten.

Sie ahnen auch, dass Wirtschaftskrisen keine unliebsamen Ausrutscher von der Wachstumsbahn sind, sondern verlässliche Zeichen für die Instabilität im Grenzbereich des Möglichen. Sie markieren das Ende unserer westlich geprägten Vorgehensweise, die inzwischen auch von Schwellenländern unreflektiert nachgeahmt wird. Wirtschaftswachstum wird als notwendige Bedingung für das Fortbestehen der Menschheit bislang nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Um wettbewerbsfähig zu sein, müsse die Produktivität erhöht werden, und um eine führende Marktposition zu erhalten, müsse weiteres Mengenwachstum angestrebt werden, so die vorherrschende Meinung. Doch eine Erhöhung der Produktivität und jeder Ausbau von Kapazitäten kosten zunächst Geld und erhöhen in stagnierenden Absatzmärkten die Kapital- und die Vermarktungskosten bei tendenziell sinkenden Roherträgen.

Selbstverständlich wird eine noch bis voraussichtlich 2050 wachsende und wohlstandsorientierte Weltbevölkerung mehr Güter nachfragen als dies heute der Fall ist. Diese verstärkte Nachfrage wird sich zwar nicht in den frühindustrialisierten Ländern zeigen, umso deutlicher aber in den Schwellenländern. Allerdings wird diese Nachfrage aufgrund der begrenzenden Faktoren in der bisherigen Form schlicht nicht mehr in vernünftiger Weise und zu bezahlbaren Preisen zu decken sein. Mit dem nicht nur wirtschaftlichen, sondern faktischen Versiegen „bewährter“ Energie- und Rohstoffquellen und mit zunehmender Belastung der Atmosphäre mit CO2 durch die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen aus fossilen Brennstoffen und mit zunehmendem Erfolgsdruck, der auf den Menschen lastet, wird ein Umdenken unausweichlich.Kehren wir in uns, erkennen wir rasch, dass wir quantitatives Wirtschaftswachstum faktisch über alle anderen Werte stellen: über die Zufriedenheit, über die Gesundheit, über die Stabilität der Natur und über die Freiheit. Offenbar fehlt es an Imagination für Alternativen. Die Mehrheit der Wirtschaftsführer und Politiker halten – oft trotz besserer Einsicht – am Wachstumskurs fest. Sich auf ein radikal verändertes Geschäftsmodell bzw. Gesellschaftsmodell einzulassen und es öffentlich zu vertreten, birgt für die Verantwortungsträger hohe unmittelbare und persönliche Risiken, die die wesentlich höheren Risiken, die mit der Vermeidung einer Richtungsänderung verbunden sind, verdrängen – ohne sie zu beseitigen.

 

2          Notwendigkeit des Umdenkens

Die kommunikative Herausforderung der Organisationsentwickler besteht darin, das Paradoxon zu vermitteln, dass wir einerseits bislang in vielen Märkten ein exponentielles Wachstum beobachten konnten, das zu Erfolg geführt hat, dass sich aber künftig gerade dieses starke Wachstum selbst begrenzen und ad absurdum führen soll. Es wird nämlich bislang ignoriert, dass sich Wachstum und Wohlstand mit fortschreitender Bewegung entlang der Wachstumskurve entkoppeln und jedes weitere Wachstum Substanz verzehrt, den Wohlstand dadurch schmälert und den Menschen schließlich sogar ihre Lebensgrundlage entzieht. Die Umkehr von Trends zu vermitteln, ist noch nie einfach gewesen.

Dabei liegen die Indizien dieser Trendwende auf der Hand: Der inzwischen globale Wettbewerb um Rohstoffe und Primärenergieträger verknappt und verteuert die Grundlagen des wirtschaftlichen Wachstums nach dem bisherigen Muster. Aufwendungen, die getroffen werden müssen, um bereits angerichtete Umweltschäden zu beseitigen und künftige zu vermeiden bzw. auszugleichen, nehmen kräftig zu und werden bisherige Vorgehensweisen an ihre Grenzen führen. Indem beispielsweise Meere leergefischt und Wälder abgeholzt werden, um sich zu ernähren und landwirtschaftlich intensiv genutzte Flächen auszuweiten, entziehen sich Menschen schrittweise ihre Lebensgrundlage. Die Mehrheit der landwirtschaftlich genutzten Flächen ist stark erosionsgefährdet, ausgelaugt und mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln angereichert. Mit zunehmender Weltbevölkerung und steigendem vordergründigem Wohlstand werden Nahrungsmittel knapp und teuer. Menschen tauschen vorüber-gehenden Wohlstand langfristig gegen materielle und generelle Armut. Eine ähnliche Entwicklung bahnt sich im industriellen Sektor an. Der Wasserverbrauch steigt exponentiell und die Qualität des verfügbaren Wassers verschlechtert sich durch die Nutzung. Unvermeidliche Gesundheitskosten und Kosten für die Wiederherstellung der Natur und für den Klimaschutz belasten industrielle Geschäftsmodelle direkt und indirekt bereits erheblich.

Organisationsentwickler werden in ihrem Unternehmensumfeld griffige Beispiele dafür finden, dass diese „Nebenkosten“ bereits spürbar zunehmen:

Kunststoffgranulate und elektrische Energie werden so teuer, dass sich manche Produkte beispielsweise im Kunststoffspritzgussverfahren nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll herstellen und vermarkten lassen. Die elektrotechnische Industrie ist hochgradig abhängig von der Verfügbarkeit von knappen Rohstoffen wie Tantal. Metallverarbeitende Gewerbe hängen von der Verfügbarkeit von Rohstoffen wie Magnesium ab.

Je aussichtsloser die Mission zu erfüllen ist, weiterzuarbeiten wie bisher, desto eher werden Menschen in ihrem Tun den Sinn vermissen und sich in abnehmendem Maße mit den ihnen übertragenen Aufgaben identifizieren. Mit der Konzentration auf materiellen Erfolg wird der Gemeinschaft in Form von Familien, aber auch in Form der Gesellschaft, weniger Zeit gewidmet und weniger Bedeutung beigemessen. Menschen isolieren sich auf ihrem Weg zu materiellem Erfolg. Steht materieller Zugewinn im Zentrum des Interesses und werden keine anderen Werte entwickelt, werden sich Menschen erfolg- und orientierungslos fühlen, sobald klar wird, dass sich ihre materiellen Ziele nicht mehr erfüllen lassen. Der resultierende Motivationsverlust wird bei steigendem wirtschaftlichem Druck die spürbare Grenze des Wachstums näher rücken. In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Wirtschaftliche Aktivitäten sind, wenn wir sie in ihrem Umfeld eingebettet betrachten, immer ein Nullsummenspiel. Es ist eine Transformation von Primärenergie und Rohstoffen in Produkte, Wärme und Mobilität. Oder eine Transformation von menschlichen Fähigkeiten und Kapazitäten in Ideen, Konzepte und Innovationen. Heute stehen uns Produkte aus aller Welt zur Verfügung und wir erfreuen uns an einer höheren Mobilität und an „Komfortmaschinen“ (Klimaanlagen, elektrische Fensterheber, elektrische Sitzverstellung und Sitzheizung), die mit Energie betrieben werden, und an nützlichen Anwendungen der Telekommunikation. Doch all diese Möglichkeiten speisen sich aus einem zunehmenden Raubbau an der Natur und am Menschen selbst. Es wäre deshalb eine Illusion anzunehmen, wir könnten diese Entwicklung unbegrenzt fortsetzen, geschweige denn, dabei gewinnen. Da es kein Perpetuum Mobile gibt und Transformationsprozesse sogar verlustbehaftet sind, bewegen wir uns in einer Einbahnstraße von Energiequellen zu Energiesenken. Wer das anders sieht, betrachtet die Transformationskette sehr wahrscheinlich in einer verkürzten Form. Wie oben exemplarisch angeführt, spüren wir die Auswirkungen bereits in Form massiv steigender Nebenkosten im weiteren Sinne bei vergleichsweise geringem Nutzenzuwachs. Diese Nebenkosten fallen mittlerweile vor allem zur Absicherung gegen Effekte an, die sich bei höherer Ausreizung von Quellen zeigen. Der Umgang mit der Unsicherheit im Grenzbereich kostet erheblichen zusätzlichen Aufwand. Wir haben es mit einem selbstverstärkenden Mechanismus (positive Rückkopplung) zu tun, den wir verstehen müssen.

Um den Zusammenhang zwischen höherer Ausbeute und steigender Unsicherheit zu veranschaulichen, kann die logistische Gleichung [i] nach dem belgischen Mathematiker Pierre François Verhulst dienen. Er erweiterte im Jahr 1838 die lineare Gleichung dp/dt = r X pzuvor , wobei dp/dt jedes weitere Wachstum und r die Wachstumsrate sind, um ein Glied, das den Aspekt der Annäherung an die Obergrenze des Wachstums einbringt. Das Ergebnis ist folgende Gleichung: dp/dt = r X pzuvor X ((K- pzuvor)/K), wobei K die Wachstumsgrenze ist. Überraschenderweise ist diese Gleichung nicht mehr linear. Die Gleichung zeigt zunächst eine erwartete asymptotische Annäherung an eine Wachstumsgrenze. Das eigentlich Erstaunliche an dieser Gleichung ist aber, dass das Volumen bei hinreichender Annäherung an die Wachstumsgrenze mit weiterer Steigerung beginnt, zwischen diskreten Werten zu springen (boom-or-bust-Effekt), und bei noch weiterer Steigerung in vollständiges Chaos fällt, wie in Abbildung 6 dargestellt.

Diese Beobachtung stimmt mit unserer Erfahrung im Grenzbereich des wirtschaftlichen Wachstums überein.

Die Wachstumsspirale wird sich nur so lange weiter winden, bis ihr die Nahrung endgültig auszugehen droht. Bei weiterer Steigerung müssen wir einen nicht kontrollierbaren und perspektivenlosen Leidensweg durchlaufen.

Alternativ schalten wir rechtzeitig um. Allerdings werden die Ausgangsbedingungen für neue Wege umso schlechter, je länger wir damit warten, umzuschalten. Das Ausblenden dieses bekannten Zusammenhanges und die Beschäftigung mit Scheinlösungen führen keineswegs zu einer Verbesserung. Hier sind die Organisationsentwickler gefragt, Initiative zu ergreifen und das Bewusstsein der Manager für die Situation und für wirksame Gegenmaßnahmen zu schärfen.


3         Verantwortung für die Weichenstellung

Diese globale Fehlentwicklung nicht nur aufzuzeigen, sondern dazu beizutragen, sie im Rahmen unserer Möglichkeiten zum nachhaltigen Nutzen für Unternehmen zu korrigieren, ist eine wichtige Führungsaufgabe, der wir uns in der Industrie und in Sektoren industrienaher Dienstleistungen sowie in der Politik stellen müssen. Organisationsentwickler können einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie Gedanken vor dem Hintergrund der Grenzen des Wirtschaftswachstums neu ordnen, schlüssige Konzepte für eine nachhaltige Arbeitsweise erarbeiten und Erfolg versprechende Veränderungsprojekte anstoßen und verantwortlich begleiten.

Sie sollten sich nicht für Vorhaben engagieren, die zum Ziel haben, zu einer Situation zurückzufinden, wie sie vor der jüngsten Wirtschaftskrise bestand, in der die Welt nur vermeintlich in Ordnung war. Dadurch würden Sie nämlich dazu beitragen, die Fehlentwicklung anzutreiben bzw. sie sogar zu beschleunigen.

Vielmehr sollten Sie ihre Organisation verantwortlich auf eine prosperierende Zukunft in einer Welt mit begrenztem Wirtschaftswachstum vorbereiten. Dazu sollten Sie den Führungskräften in Ihrer Organisation vor Augen führen, dass sie sich den bislang eingeschlagenen Wachstumsweg allmählich selbst verschließen. Denn bisherige Treiber des Wachstums, wie der Zugang zu Rohstoffen, Energie und guten, eigenverantwortlichen Mitarbeitern, werden jetzt zu Wachstumsbegrenzern.

Das System aus Natur und Wirtschaft regelt sich zwangsläufig selbst und wir alle sind Bestandteile dieses Systems. So wird sich das empfundene Dilemma, dass sich Themen wie der Klimaschutz nur global lösen lassen und die Initiative Einzelner vermeintlich keine durchschlagenden Wirkungen entfalten kann, auf ganz natürliche Weise auflösen. Wir werden gar keine Alternative dazu haben, uns den Herausforderungen einer Welt ohne quantitatives Wachstum zu stellen. Einzelne können durchaus Anstöße liefern und einflussreiche Bewegungen in Gang bringen.

Weil bereits klar ist, dass der bisherige Wachstumsweg nach vergangenen Mustern nicht erfolgreich fortgesetzt werden kann, müssen wir rechtzeitig Alternativen zu gestalten und notwendige Veränderungen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Positionierung definieren und umsetzen.

 

„Probleme lassen sich nicht mit denselben Mitteln lösen,

mit denen sie entstanden sind.“

(Albert Einstein)
 

Offensichtlich müssen wir neu denken. Als Organisationsentwickler ist es unsere Pflicht, für dieses neue Denken zu werben und uns für die Verwirklichung neuer Ideen einzusetzen.

 

4        Anregungen für Diskussions- und Leistungsbeiträge

In diesem Abschnitt finden Sie kritische Fragen, mit denen Sie in Ihrer Organisation Denkanstöße anregen können.

 

4.1      Vermittlung von Problembewusstsein

Zunächst gebe ich Ihnen Fragen, die helfen können, das Problembewusstsein in Ihrer Organisation zu verbessern.

  • Wie hoch sind die wirklichen Kosten wachstumsbedingter Belastung der Natur?

  • Wie hoch sind die Kosten für überlastete oder sogar ausgebrannte Mitarbeiter? Wie hoch sind die Kosten für zerrüttete Familien?

  • Wie hoch sind die Kosten für Wiederherstellungs- und Kompensations-maßnahmen?

  • Wie wirken sich die Lateralschäden des Raubbaus auf das Image als Arbeitgeber und als Anbieter im Markt aus?

  • Wie sieht die Gewinn- und Verlustrechnung unter Berücksichtigung sach-gerechter Rückstellungen aus?

  • Wie lässt sich eine umweltkonforme Arbeitsweise kapitalisieren?

  • Wie können wir das Bewusstsein der Führungskräfte für einen verantwortungsvollen und sinnvollen Umgang mit einer begrenzten Natur schärfen?

  • Wie machen wir Führungskräften klar, dass wir uns diesbezüglich keine Fehler mehr erlauben dürfen?

  • Welche Argumente sprechen im konkreten Kontext eines Unternehmens für eine Veränderung (Change-Prozess)?

4.2      Konzeptionelle Ansätze

Über Fragen zur Vermittlung besseren Problembewusstseins hinaus, gebe ich Ihnen Fragen zu konzeptionellen Ansätzen, die Sie in Ihrem Organisationsumfeld konkretisieren können.

Welche konkreten Schritte kann ein Unternehmen gehen, um im Einklang mit der Natur im weiteren Sinne zu wirtschaften, statt weiter dazu beizutragen, dass die Natur ausgebeutet, zurückgedrängt und versucht wird, sie zu beherrschen (Konzept)?

Wie viel Wachstum ist sinnvoll? Welche Geschäfte sollen wachsen? Welche weniger nachhaltig angelegten Geschäfte sollen durch dieses Wachstum Zug um Zug ersetzt werden? Wie kann ein Unternehmen bewusst auf quantitatives Wachstum verzichten, ohne wirtschaftlichen Schaden zu nehmen? Welche Werte sollen an die Stelle quantitativen Wachstums treten? Wie kann eine Umgestaltung zu nachhaltigen Beiträgen im Sinne qualitativen Wachstums konkret aussehen (Change Roadmap)?

Wie kann vermieden werden, „von der Substanz der Welt zu leben“? Wie lässt sich der Verbrauch weiterer Ressourcen wirtschaftlich vertretbar hinausschieben? Wie kann ein Unternehmen zu einer höheren Nutzungseffizienz und einer häufigeren Wiederverwendung von Rohstoffen beitragen? Wie kann ein Weg beschritten werden, Ressourcen nicht zu verbrauchen, sondern sie in geschlossenen Kreisläufen zu gebrauchen bzw. in einem Maße zu verwenden, in dem sie der Welt wieder zur Verfügung gestellt werden können? Auf welche Rohstoffe können Unternehmen künftig setzen, um nachhaltig zu wirtschaften (beispielsweise Kunststoffe aus Chitin, Kautschuk aus Löwenzahn oder biotechnisch hergestellte Spinnenseide (s. WirtschaftsWoche Nr. 27, S. 66-71)? In welche Unternehmens- und Forschungsnetzwerke sollten sich Unternehmen einbinden, um von Neuentwicklungen zu profitieren bzw. diese selbst zu fördern?

Worauf kann ein Unternehmen verzichten? Was ist wirklich notwendig und sinnvoll? Über nicht-betriebsnotwendige Anlagepositionen hinaus sollten (i) das Geschäftsmodell und (ii) der Geschäftsprozess auf ihre Eignung für ein Wirtschaften ohne quantitatives Wachstum untersucht und in diesem Sinne auf obsolete Komponenten hin untersucht werden. Wie können Transportwege unter dem Strich verringert werden (Global Sourcing, Supply Chain)?

Welchen Beitrag kann ein Unternehmen zur Veränderung der Konsumgewohnheiten der Menschen leisten (Verzicht auf Neuanschaffung, höherer Wert auf Dienstleistung)? Welche qualitativen Wachstums-möglichkeiten eignen sich? Welchen immateriellen Nutzen kann das Unternehmen schaffen?

Von welchen Gewohnheiten sollten sich die Führungskräfte trennen? Wie gelingt das? Auf welche Zusammenhänge sollten sie ihre Aufmerksamkeit stärker richten? Worauf sollte das Unternehmen seine Ressourcen (Managementaufmerksamkeit, Zeit und Aufmerksamkeit der Mitarbeiter, Marktleistungen) konzentrieren? Wie kann der notwendige Richtungs-wechsel erfolgreich bewältigt werden? Anhand welcher Parameter und mit welchen Instrumenten kann der Erfolg eines Veränderungsprojektes beurteilt werden?

Welche neuen Marktleistungen, die in besserem Einklang mit dem Umfeld stehen, sollten wachsen und wie viel sollten sie wachsen (vernünftiges Wachstum, Wachstum im Sinne einer Erneuerung, wie der Wald, in dem immer etwas Neues wächst, ohne dass der Wald als Ganzes wachsen würde)?

Wie können Unternehmen wirtschaftlich-materielle Zielsetzungen zu einer Komponente in einem facettenreichen Zielsystem zurückfahren, das auch soziale und umweltbezogene Ziele enthält und geeignet ist, zu individueller Zufriedenheit und zur Stabilität der Organisation beizutragen?

Wie können die Sonnenenergie, die Windenergie und die Erdwärme stärker zur Deckung des Energiebedarfes eingesetzt werden? Welche Anwendungen stehen hierfür bereits zur Verfügung? Wie können technologiebasierte Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll zur Entwicklung und Vermarktung solcher Anwendungen beitragen?

Welche Botschaften sollten Führungskräfte ihren Mitarbeitern kommunizieren (Leadership)? Wie können Potenzial- und Leistungsträger dazu gebracht werden, ihren Lebensstil an die Erfordernisse einer Zeit ohne Wachstum anzupassen und sich stärker für die Gemeinschaft zu engagieren?

Wie kann vermieden werden, dass Gegenwartsprobleme in die Zukunft hinein getragen werden (Sofortmaßnahmen, Weichenstellungen)?

Wie finden Unternehmen zurück zu einem Gleichgewicht zwischen der Nutzung materieller und immaterieller Ressourcen und dem wirklichen Nutzen, den sie daraus generieren? Wie können sich Unternehmen aus tatsächlichen, konstruierten und eingebildeten Sachzwängen (Miegel, S. 191) lösen, die ihre Freiheit einschränken?

Wie sehen Geschäftsmodelle aus, wenn Rohstoffe, Energie und die Erhaltung der Natur deutlich teurer werden? Wird die menschliche Arbeitskraft wieder an relativer Attraktivität gewinnen? Wie sehen dann künftige Arbeitsplätze aus, die Rohstoffe und Energie ersetzen? Wie kann eine Roadmap zu einer künftigen, den Verhältnissen besser angepassten Kostenstruktur beschrieben werden? Wie können unter Einsatz kommunikationstechnologischer Anwendungen verstärkt Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen werden, um zeitaufwändige, teure und umweltbelastende Arbeitswege zu vermeiden? Wie können private und Geschäftsinteressen künftig besser in Einklang gebracht werden? Wie können durch einen höheren Anteil freier Beschäftigungsverhältnisse die Flexibilität, die Unabhängigkeit und damit die Verantwortung der Menschen für ihre Beschäftigung und eine größere nachhaltige Sicherheit auf beiden Seiten gefördert werden? Wie kann das gestiegene Bildungsniveau der Mitarbeiter künftig stärker eingesetzt und die Mitarbeiter sinnvoller und erfüllender beschäftigt werden?

Wie können Menschen trotz sinkender Wirtschaftsleistung leistungsfähig und -bereit gehalten werden? Welche Motivatoren rücken an die Stelle quantitativen Wachstums und Positionierung durch Größe und Macht? Wie können die Lebensqualität und die Lebensfreude der Mitarbeiter verbessert werden (immaterieller Nutzen)? Welcher Sinn kann Mitarbeitern vermittelt werden? Wie kann persönliche Anerkennung und Wertschätzung für soziales Engagement ausgestaltet werden? Wie können Mitarbeiter ihre Fantasie, ihre Kreativität, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre sozialen Begabungen besser in den Geschäftsprozess einbringen? Wie kann wieder ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt werden? Was müssen Arbeitgeber dafür anbieten? Wie sollte der Umgang mit verschiedenen Kulturen in Unternehmen sein (Fördern von Vielfalt, Überwindung von Abgrenzung, Befruchtung durch die Koexistenz verschiedenartiger Denkweisen)? Wie können ältere Menschen sinnvoll in den Arbeitsprozess integriert und deren Erfahrungen genutzt werden? Wie können flexible Arbeitszeitmodelle umgesetzt werden, die es erlauben, Privates mit Beruflichem besser zu verbinden und neue Impulse sowohl in den persönlichen Erfahrungsschatz der Mitarbeiter als auch in die Unternehmen hineinzubringen?

Wie können Unternehmen dazu beitragen, dass Bildung über die Berufsbefähigung hinaus deutlich breiter gefasst wird und Mitarbeiter einen Hintergrund für ihr Handeln „erwerben“, indem sie andere Kulturen und philosophische Denkansätzen sowie ökonomische und sozialwissenschaftliche Modelle kennenlernen (Curricula und Syllabi der Corporate Universities)?

Wie können die Freude der Menschen an der Natur, das Interesse an Kunst und Musik und die „soziale Ader“ als wichtige Bestandteile des menschlichen Zusammenlebens wiederbelebt werden?

Wie kann durch Verzicht auf quantitatives Wachstum bei gleichzeitiger Entwicklung der Flexibilität und der Anpassungsfähigkeit Stabilität erreicht werden? Welche Rückkopplungsmechanismen sollten Unternehmen implementieren, um die Regelung der Stabilität sicherzustellen?

Mit diesen Fragen können Sie als Organisationsentwickler Führungskräften konkrete Anregungen liefern, neu zu denken und die systemverträgliche und deshalb nachhaltige Zukunft Ihrer Organisation in die Hand zu nehmen. Sie können gezielt Dialoge über die grundsätzliche Arbeitsweise in Ihrer Organisation in Gang setzen.

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[i] Verhulst, Pierre François: Correspondence Mathématique et Physique 10 (1838), S. 113-121: “Notice sur la loi que la population pursuit dans son accroissement”.