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Wie wird die Zukunft nach Corona?

11.04.2020, Boysen Consulting erstellt von Dr. Werner Boysen

Allmählich geht die Zuwachsrate der Neuinfektionen an Corona zurück.

In dieser Phase wird es interessant zu überlegen, wohin sich unsere Gesellschaft „nach Corona“ entwickeln wird. Was bleibt? Was wird wirklich anders?

Noch interessanter als die Frage „Wie wird die Zukunft?“ ist für mich die Frage, was die Welt überhaupt vorantreibt und nach welchem Prinzip Wandel funktioniert.

Also habe ich mal bei Matthias Horx, einem bekannten deutschen Zukunftsforscher, nachgelesen. Horx hat 1998 in Frankfurt das Zukunftsinstitut gegründet, dessen Führung er 2017 an Harry Gatterer abgegeben hat. Matthias Horx hat von John Naisbitt das Prinzip der „Megatrends“ übernommen und richtet seine Prognosen unter anderem an den Megatrends aus. John Naisbitt wurde durch seine Veröffentlichung des Megatrend-Prinzips 1982 schlagartig weltberühmt. Der Politikwissenschaftler und ehemalige stellvertretende Erziehungsminister in der Ära von John F. Kennedy zeigte damals als Erster die Tiefenströmungen des Wandels auf. Aber wie entstehen diese Tiefenströmungen?

Horx lehnt die lineare Extrapolation der Gegenwart, wie es in der Science-Fiction der 1960er und 1970er Jahre betrieben wurde, strikt ab. Hier ging es nur um die Beschleunigung bestehender Vorgänge, aber nicht um wirklich Neues. Und wir Menschen bleiben bei diesen gedanklichen Spielen immer unverändert. Dieser Ansatz bezieht sich in der Regel ausschließlich auf unser Umfeld, aber nicht auf uns selbst.

Diese lineare Extrapolation erfordert keine Neujustierung unserer Synapsen. Sie ergibt nichts wirklich Neues. Wir kommen damit nicht weiter.

Nach Horx ist Zukunft „das Produkt einer komplexen Evolution, in der wir die maßgebliche Rolle spielen. Die Zukunft entsteht aus graduellen, evolutionären und kognitiven Schritten. Sie unterscheidet sich radikal von der Gegenwart.“

Prognose heißt für Horx, etwas “vorzuschöpfen”. Für Horx ist die Zukunft kein homogener Raum, und deshalb lässt sich für ihn die Frage, wie die Zukunft wird, nicht so einfach beantworten. Die Antwort lautet für ihn immer: Es hängt von uns und von dem ab, was wir jetzt erkennen. Zukunft ist für Horx das Produkt unendlich vieler iterativer Schleifen, in denen wir Menschen mit Möglichkeiten interagieren. Die Zukunft ist für Horx eine Entfaltung, ein Raum, der “sich in die Komplexität hinein öffnet”. Um uns vorstellen zu können, was kommt, brauchen wir einen iterativen Erkenntnisprozess. Dazu zählt das tägliche Dazulernen, begleitet von Beobachtung, Forschung, Analyse, Interpretation, Selbstreflexion und ständigem Nachjustieren.

Auch die Philosophin Nathalie Knapp sieht die Zukunft mit der Gegenwart verknüpft. In “Der unendliche Augenblick”, Rowohlt, Hamburg 1015, schreibt sie: “Die Zukunft verursacht die Gegenwart. Die Zukunft kann nämlich ganz grundsätzlich nur deshalb aus der Gegenwart wachsen, weil eben diese Gegenwart bereits vom Licht der möglichen Zukunft genährt wird.”

Ganz ähnlich sagte es auch Joseph Beuys: “Es muss etwas ins Blickfeld kommen, bevor es da ist.“ Beuys nennt das: “Aus der Zukunft heraus bewegt sich etwas. Da gibt es auch eine Ursache, die aber in der Zukunft liegt, also ist die Wirkung in der Gegenwart eher da, als die Ursache in der Zukunft zu finden ist.”

Und auch bei Rainer Maria Rilke kann man lesen: „Die Zukunft zeigt sich in uns, lange bevor sie eintritt“. Zukunftsforschung hieße dann, dass wir diesem inneren Ahnen zuhören. Und dafür müssen wir still sein. Und ganz aufmerksam. Sonst verscheuchen wir die Zukunft.

Der indische Gesundheitsguru Deepak Chopra bemerkt: „Immer, wenn wir eine Wahl treffen, verändern wir die Zukunft.“

Wenn wir Beuys‘ Worte mit Chopras‘ und Knapps‘ Formulierung als Schlüssel zur Zukunft verstehen, entwickeln wir eine Beziehung zur Zukunft. Die Zukunft ist nicht jener Raum, der alles Menschliche technisch transzendiert oder jenes Kontinuum, in dem alles vorbei ist, was wir kennen, sondern ein Raum der heutigen Möglichkeiten. Nach Horx entsteht die Zukunft aus Anverwandlung. Diese Idee gibt uns laut Horx unsere Selbstverantwortung, unsere Selbstwirksamkeit, unsere Zukunftswürde zurück.

Die Zukunft erwächst also aus unserer Vorstellungskraft. Wie klar zeichnet sich die Zukunft in unserer Vorstellung ab? Der Naturalist Thomas C. Chamberlin schrieb 1890 in der Zeitschrift “Science”: “Wenn man einer einzigen Hypothese folgt, wird der Geist zu einer einzigen Erklärungskonzeption geführt. Aber eine angemessene Erklärung braucht meistens die Koordination mehrerer Instanzen, die sich zu einem kombinierten Ergebnis vereinen. Jede wahre Erklärung ist deshalb notwendigerweise komplex.” (s. Roger L. Martin, The Opposable Mind. How Successful Leaders Win Through Integrative Thinking, Harvard Business Review Press, Cambridge 2007, S. 8).

Horx zufolge geht es bei der Vorstellung einer realistischen Zukunft insbesondere um die sogenannten Konnektome der Welt, also um jene Muster, die uns als Menschen miteinander verbinden, und um jene, die das Gestern mit dem Morgen verbinden.

In jedem Fall gestalten wir offenbar die Zukunft mit dem, was wir uns gegenwärtig vorstellen können und uns auch wirklich vorstellen. Wenn die Zukunft aus den Gedanken und Vorstellungen der Menschen entsteht, wird sich die Welt voraussichtlich so entwickeln, woran die Mehrheit der Menschen glaubt. Je mehr wir uns mit dieser Vorstellung befassen, desto intensiver gestalten wir unsere Zukunft. Daraus erklärt sich, dass Menschen in einer Krise besonders kreativ werden. Je mehr wir konkret über die Zukunft nachdenken, desto wahrscheinlicher und desto schneller werden Möglichkeiten zur Gegenwart.

Gerade in einer Krise ist es wichtig, über die Zukunft nachzudenken.