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Gerald Hüthers Gedanken über die Würde

03.02.2019, Boysen Consulting erstellt von Dr. Werner Boysen

Gabor Steingart stellte am 2. Februar sein Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Gerald Hüther in seinen Podcast, das mich berührt hat. In diesem Gespräch geht Gerald Hüther auf Gedanken ein, die er in seinem 2018 im Münchener Knaus Verlag erschienenen Buch „Würde – was uns stark macht“ beschrieben hat.

Startpunkt für Gerald Hüther ist, dass wir Menschen die einzigen Wesen sind, die ihre Lebenswelt selbst nach ihren Vorstellungen gestalten. Wir machen das mit einer exponentiell steigenden Geschwindigkeit, mit der unsere eigene Anpassungsfähigkeit an das, was wir erschaffen, nicht Schritt halten kann. Alles wird atemlos, und wir nehmen uns wegen der hohen Beschäftigung keine Zeit mehr dafür, zu reflektieren. Stattdessen zerstören wir unsere eigene, in Millionen Jahren gewachsene Lebensgrundlage „ahnungslos und bewusstlos“. Anders als Arthur Koestler hält uns Hüther aber nicht für „Irrläufer der Evolution“, die aussterben müssen, sondern für Suchende, die sich durchaus auch mal verirren können.

In einer unübersichtlichen Welt neigen wir zur Komplexitätsreduktion. Wir streben nach Kohärenz, damit wir für Problemlösungen möglichst wenig Energie aufwenden müssen. Vor 10.000 Jahren wurden dazu in einer ersten großen Transformation hierarchische Organisationsstrukturen gebildet. Hierarchie hat sich seitdem zur Reduktion von Komplexität durchaus bewährt. Mit unseren hierarchischen Strukturen haben wir eine Vielfalt und eine Reichweite geschaffen, die unser Leben verbessern und erleichtern. Diese Errungenschaften machen unsere Welt aber gleichzeitig auch komplexer. In vielen Lebensbereichen wird mittlerweile offensichtlich, dass wir in der bislang bewährten Hierarchie nicht mehr schnell genug auf Veränderungen reagieren können. Wir spüren bereits, dass wir an der Hierarchie scheitern. Aber wir haben keine andere Lösung, wie in einer inkohärent gewordenen Welt wieder Kohärenz geschaffen werden kann. Wir wissen nicht, wie es geht – also halten wir an alten hierarchischen Ordnungsstrukturen fest.

Hüther bezeichnet Hierarchie sogar als „würdelos“. Er sieht darin Unterdrückung und Zwang – Rahmenbedingungen, unter denen sich prinzipbedingt keine Lösungen für Herausforderungen in komplexen Umfeldern entwickeln können. Für noch gefährlicher als Unterdrückung hält Hüther Verführung, wie sie beispielsweise von Facebook, Geschäftsbanken und Werbetreibenden ausgeht. Verführung wirkt sogar subtiler als Unterdrückung. Wenden sich Unterdrückte gegen die Macht auf, tun es Verführte nämlich nicht.

Hüthers Kerngedanke ist, dass wir die Fähigkeit verloren haben, ein gemeinsames Anliegen zu entwickeln. Wir haben die Wirtschaft erfunden, damit es uns besser geht. Inzwischen dienen wir aber dem Primat der Wirtschaft. Wirtschaftlicher Erfolg ist kein gemeinsames Anliegen aller Beteiligten. Effizienz in hierarchischen Strukturen beruht nämlich auf Aneignung und Ausnutzung. Gemäß Hüther beraubt sich jeder, der sich in hierarchischen Beziehungen anderer bedient, um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, seiner eigenen Würde. Mögen die Akteure in der Wirtschaft durchaus Ethik und Würde kennen, kennt die Wirtschaft selbst keine Ethik und keine Würde und nimmt den Menschen schleichend ihre Würde. Wirtschaft wird würdelos. Wir stehen laut Hüther an einem Punkt, an dem wir diese uns zunehmend belastende Ordnung nicht mehr aushalten. Immer mehr Menschen brechen aus. Wir erleben gerade den erodierenden Zerfallsprozess unserer hierarchischen Ordnungsstrukturen. Als Reaktion auf diese Entwicklung werden die Zügel in hierarchischen Ordnungsstrukturen vielerorts straffer angezogen und lösen weiteres Leid aus.

Gerald Hüther alarmiert, dass wir im Begriff sind, durch das Festhalten an unwürdigen hierarchischen Ordnungsstrukturen unsere Lebensgrundlage, unsere Lösungsfähigkeit und schließlich uns selbst zu zerstören. Eine Lösung sieht er darin, dass sich jeder neu auf seine Würde besinnt; er ist sich aber auch bewusst, dass eine Lösung mit den derzeit handelnden Akteuren recht unwahrscheinlich ist. Mit einer Spur Humor relativiert Hüther die Folgen unseres Handelns: Die Erde würde, nachdem wir uns ausgerottet haben, in der Lage ist, noch 50 Mal bewusstseinsfähige Wesen hervorzubringen, bevor die Sonne ihre Kraft verliert.

Gerald Hüther setzt aber große Hoffnung in die Generation Y, die sich nicht mehr unterdrücken oder verführen lässt. Die jungen Leute werden Dynamik in den Wandel hineintragen und die Welt zu neuer Würde führen, um die zweite große Transformation, die Auflösung hierarchischer Organisationsstrukturen, zu bewältigen.

So wird sich erweisen, ob wir die Krone der Schöpfung oder doch ein Irrlicht der Evolution sind …