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Gedanken zur Unverfügbarkeit

03.02.2019, Boysen Consulting erstellt von Dr. Werner Boysen

Um Weihnachten 2018 herum regte mich ein auf Deutschlandfunk geführtes Interview mit Hartmut Rosa dazu an, sein gerade im Residenz Verlag erschienenes Buch „Unverfügbarkeit“ zu lesen.

Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt.

Sein zentraler Gedanke ist, dass wir uns die Welt verfügbar machen wollen. Die Welt besteht aus Objekten, die es zu wissen, zu erreichen, zu erobern, zu beherrschen oder zu nutzen gilt. Der Kampf, Unverfügbares verfügbar zu machen, zieht sich laut Rosa wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche.

Alles, was erscheint, muss gewusst, beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden. Dahinter verbirgt sich, so Rosa, ein schleichender Umbau unseres Weltverhältnisses, der historisch-kulturell und ökonomisch-institutionell weit zurückreicht, im 21. Jahrhundert aber nicht zuletzt durch die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und durch die polit-ökonomischen Steigerungs- und Optimierungszwänge des Finanzmarktkapitalismus und des entfesselten Wettbewerbs eine neue Radikalität erreicht. Wir streben nach einer unablässigen Reichweitenvergrößerung. Rosa sieht einen Strukturwandel, in dessen Folge die institutionelle Grundstruktur nur durch stetige Steigerung aufrechterhalten werden kann. Wachstum, Beschleunigung und Innovierung erscheinen nicht mehr als Versprechen, das Leben besser zu machen, sondern als apokalyptisch-klaustrophobische Drohung. Nicht das Verlangen nach Mehr, sondern die Furcht vor Weniger hält das Steigerungsspiel aufrecht.

Weil sich moderne Gesellschaften also nur im Modus der Steigerung, also dynamisch, zu stabilisieren vermögen, sind sie strukturell und institutionell dazu gezwungen, immer mehr Welt verfügbar zu machen, sie technisch, ökonomisch und politisch in Reichweite zu bringen. „Handle jederzeit so, dass Deine Weltreichweite vergrößert wird.“

Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung aber entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren. Das Leben besteht aus einem Wechselspiel aus dem, was uns verfügbar ist, und dem, was uns unverfügbar ist. Genau deshalb scheint sich uns das Leben, das, was die Erfahrung von Lebendigkeit und von Begegnungen ausmacht, zu entziehen, was wiederum Angst, Frust, Wut oder Verzweiflung auslöst, die sich dann in einem ohnmächtigen Aggressionsverhalten niederschlagen. Dadurch begegnet uns die Welt zunehmend als Aggressionspunkt.

Wir nehmen die Welt als ein chaotisches, unkontrolliertes „Außen“ wahr, das gegen unsere begrenzte Welt des Vertrauten gefährlich andrängt. Protektionismus, Militarismus, Mauern, Schutzzäune, Umweltzerstörung, Die Welt wird dadurch zum unheimlich Bedrohten und zum unheimlich Bedrohlichen zugleich. Sie wird just zum Gegenteil des Verfügbaren; sie wird unverfügbar.

Die Digitalisierung hat das Verhältnis von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit in kürzester Zeit radikal revolutioniert. Die Verfügbarkeitsgrenze wird in vieler Hinsicht nicht mehr von der Widerstandsfähigkeit der Welt bestimmt, sondern von den Kapazitätsgrenzen unserer Aufmerksamkeit und unseres Geldbeutels. Rosa folgert, dass sich nicht die Welt entzieht oder versperrt; vielmehr sind wir selbst das Hindernis für die Ausdehnung unserer Weltreichweite.

Dass sich die Welt allen Bemühungen zum Trotz immer weiter als unverfügbar erweist, ist dabei allerdings ein Funktionserfordernis, ohne welches das gesellschaftliche Leben längst sklerorisch erstarrt wäre. Konsequenterweise wird die Dynamik des sozialen Lebens gerade durch die sich immer wieder verschiebenden Fronten des Konfliktes zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren erzeugt. „Völlige Verfügung in allen vier Dimensionen bringt das Begehren zum Erlöschen: Das Spiel wird gegenstandslos, die Musik reizlos, die Liebe erkaltet. Völlige Unverfügbarkeit ist im Blick auf das Begehren sinnlos, völlige Verfügbarkeit aber reizlos.“

Unverfügbarkeit, die aus der Verfügbarmachung hervorgegangen ist, erzeugt radikale Entfremdung. Das moderne Programm der Weltreichweitenvergrößerung, das die Welt in eine Ansammlung von Aggressionspunkten verwandelt hat, erzeugt daher auf doppelte Weise die Furcht vor dem Verstummen und dem Weltverlust: Dort, wo alles verfügbar ist, hat uns die Welt nichts mehr zu sagen; dort, wo sie auf neue Weise unverfügbar geworden ist, können wir sie nicht mehr hören, weil sie nicht mehr erreichbar ist. Frust, Zorn und Verzweiflung haben ihre Ursache nicht in dem, was immer noch verwehrt ist, sondern in dem, was wir verloren haben, weil wir über es verfügen und herrschen.

Wenn es so scheint, als würde die Welt den spätmodernen Subjekten nahezu grenzenlos verfügbar, so ist dies ganz gewiss nur die halbe Wahrheit. In vielerlei Hinsicht wird die spätmoderne Lebenswelt immer unverfügbarer, undurchschaubarer und unsicherer. Dies führt dazu, dass in vielen Lebensbereichen die lebenspraktische Unverfügbarkeit zurückkehrt, allerdings in verwandelter und beängstigender Form, gleichsam als ein selbst erschaffenes Monster. Prinzipielle Verfügbarkeit verwandelt die praktische Unverfügbarkeit in ein bedrohliches Monster, denn Monster sind Bedrohungen, die an jeder Biegung lauern, die wir dennoch nicht sehen und die wir nicht verfügbar machen können. Auf diese Weise vergrößert die (technische) Weltreichweitenvergrößerung unsere Selbstwirksamkeit nicht, sondern unterminiert sie.

Wenn Verfügbarmachung der Welt bedeuten würde, sie berechenbar und beherrschbar zu machen, dann wird die Welt, getrieben von der Globalisierung und der Digitalisierung, in atemberaubendem Tempo immer unverfügbarer. Das Programm der Verfügbarmachung der Welt droht am Ende zu einer radikalen Unverfügbarkeit zu führen, die kategorial anders und schlimmer ist als die ursprüngliche Unverfügbarkeit, weil wir ihr gegenüber keine Selbstwirksamkeit erfahren und in keine Antwortbeziehung, in kein Verhältnis der Anverwandlung zu treten vermögen.

Rosa befürchtet, dass die Reichweitenvergrößerung, das Verfügbarmachen und Aneignen ein Entfremden, ein Farbloswerden und schließlich ein Verstummen nach sich zieht. Mit dem Verfügbarmachen hören wir die Welt nicht mehr und spüren nichts mehr. Rosa weist auf ein Umschlagen des Strebens nach Verfügbarkeit in völlige Unverfügbarkeit hin. Als Folge der Weltreichweite sieht Rosa eine terminale Resonanzkatastrophe. Die primitive Feindseligkeit der Welt, die über Jahrtausende hinweg bestand, erhebt sich wieder gegen uns und resultiert im Burn-out.

Rosa liefert aber auch gedankliche Ansätze, um der Katastrophe zu entkommen: Er ist überzeugt, dass eine gelingende Weltbeziehung auf Erreichbarkeit, nicht auf Verfügbarkeit abzielt und weist auf die Gleichzeitigkeit von prinzipieller Verfügbarkeit und praktischer Unverfügbarkeit hin. Für Rosa ist Resonanz der Schlüssel. Responsivität oder Resonanzfähigkeit wird laut Rosa zur Essenz aller möglichen Weltbeziehungen.

Offenbar besteht eine unaufhebbare Spannung zwischen dem Versuch und dem Wunsch, Dinge und Ereignisse verfügbar zu machen, sie berechenbar und beherrschbar werden zu lassen, und der Ahnung oder Sehnsucht, sie als das Leben einfach geschehen zu lassen, auf sie zu hören und dann kreativ und spontan auf sie zu antworten. Rosa schlägt vor, uns die Spannungslinien zwischen Resonanzbegehren und Verfügbarkeitsverlangen bewusst zu machen, um den Widerspruch überwinden oder lösen zu können. Mit gänzlich Verfügbarem und gänzlich Unverfügbarem ist Resonanz nicht möglich.

Damit bestätigt mich Rosa in meiner Auffassung, dass wir uns für resonante Weltbeziehung einsetzen und damit „stumme“ hierarchische Beziehungen ersetzen sollen. Wir bewegen uns auf die Systemtheorie zu. Es setzt sich nämlich die Überzeugung durch, dass es Dinge gibt, die sich unserer Verfügbarkeit prinzipiell entziehen. Chaostheoretische Ansätze zur Interpretation der Welt gewinnen an Bedeutung. Sie legen nahe, gar nicht zu versuchen, uns die Welt anzueignen, sondern ihr aufmerksam „zuzuhören“, uns von ihr berühren zu lassen und auf die Welt zu antworten, indem wir uns auf die Möglichkeiten des Augenblicks konzentrieren und wirksam werden. So fördern wir Resonanz. Lassen wir es zu, dass uns diese Resonanzbeziehung beeinflusst und verändert. Dann widersetzt sich die Welt nicht mehr, sondern transformiert sich und uns. Indem wir Unverfügbares als etwas Natürliches anerkennen, beleben wir die Beziehung zur Welt und bleiben wirksam.

Können bedeutet für mich, Wissen um diese konstitutive Unverfügbarkeit spontan anzuwenden. Erfahrung mit solchen Situationen verbessert unser Können. Lassen wir uns aber nicht davon fehlleiten, dass die Unverfügbarkeit mit zunehmendem Verständnis weichen würde. Mit der Dedikation kommen nämlich neue Fragen auf, die neue Unverfügbarkeit offenlegen …