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Die Open-Science-Bewegung als Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme?

15.04.2019, Boysen Consulting erstellt von Dr. Werner Boysen

Wissenschaftliches Arbeiten erfolgt traditionell im Verborgenen, bis die Forschungsergebnisse vorliegen. Darüber können viele Jahre vergehen. Zwar werden die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien in der Regel publiziert, doch bleiben die Rohdaten oft unzugänglich.

Die meisten Arbeiten werden auch heute noch als in sich abgeschlossene Monographien verfasst, an die andere Wissenschaftler erst mit erheblichem Zeitverzug mit weiteren Forschungsprojekten anknüpfen können. Diese gängige Praxis bremst den Forschungsfortschritt erheblich.

Das kann nun anders werden.

Seit schon etwa zehn Jahren wird ein Prinzip offener Wissenschaft diskutiert, das sich nun unter Einsatz der durch die Digitalisierung entstandenen Möglichkeiten in der Open-Science-Bewegung niederschlägt. Ziel der Anhänger dieser Bewegung ist es, den gesamten wissenschaftlichen Prozess einschließlich erzielter Zwischenergebnisse idealerweise „in Echtzeit“ zugänglich, komplett nachvollziehbar, überprüfbar, reproduzierbar und nutzbar zu machen. Der Open-Science-Ansatz macht nämlich den kompletten Forschungsprozess zugänglich und transparent: die Methoden, die Rohdaten, die Ergebnisse und die Einordnung und Interpretation der Ergebnisse.

Die Anhänger der Open-Science-Bewegung fordern offene Forschungspraktiken als ein zentrales Qualitätsmerkmal von Forschungsarbeit. Gute Wissenschaftler zeichnen sich durch Expertise, Integrität und lautere Absichten aus, Kriterien, die in der Summe der Absicht eines reinen Erkenntnisgewinns dienen. Zu Open Science gehören selbstverständlich auch präzise Angaben über die Auftraggeber und die Finanzierung von Forschungsprojekten. Indem anderen Wissenschaftlern und auch der breiten Öffentlichkeit die Teilhabe an der Forschungsarbeit ermöglicht wird, wird voraussichtlich auch das Vertrauen in Forschungsergebnisse erhöht.

Es gibt aber noch einen zweiten wesentlichen Aspekt, der Open-Science-Befürwortern wichtig ist: Durch Open Science kann quasi-simultan eingesetzte Intelligenz Vieler in eng verzahnter kumulativer wissenschaftlicher Arbeit nicht nur zu einer höheren wissenschaftlichen Qualität, sondern auch zu einer deutlich höheren Fortschrittsgeschwindigkeit beitragen.

Durch Erschließung des Open-Science-Ansatzes können aktueller verfügbare Forschungsergebnisse und Zwischenstände zu erheblich höherer Evidenz verdichtet werden. So wird der Stand darüber, was schon bekannt ist und was wir noch nicht wissen, deutlich offensichtlicher als heute. Open Science kann dadurch wertvolle Beiträge zur Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen, wie die Erforschung und Beseitigung der Ursachen des Klimawandels. In Open-Science-Forschung erzielte Ergebnisse haben nämlich eine erheblich größere Reichweite und sind deutlich weniger anfällig für Kritik und Leugnung als monographisch veröffentlichte Forschungsergebnisse.

Mit Open Science haben sich bereits einige Autoren befasst, von denen ich Michael Nielsen (Reinventing Discovery: The New Era of Networked Science, Princeton N. J. 2011) und Oliver Tacke (Open Science 2.0: How Research and Education can benefit from Open Innovation and Web 2.0. In: Bastiaens, Theo J., Baumöl, Ulrike, Krämer, Bernd J. (Hrsg.): On Collective Intelligence. Berlin, Heidelberg 2011, S. 37-48) herausheben möchte.

Die Open-Science-Bewegung steht allerdings noch vor bedeutenden technischen, rechtlichen und organisatorischen Herausforderungen. Damit Open Science gut funktionieren kann, müssen nämlich immense Datenmengen fälschungssicher und wiederauffindbar abgelegt und aktualisiert werden und Urheberrechte trotz – und wegen aller Offenheit sicher geschützt werden.