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Covid-19 – mal kybernetisch betrachtet

29.03.2020, Boysen Consulting

Die Bundesregierung hat mit ihren Maßnahmen zur Bewältigung von Covid-19 eine Entscheidung getroffen, die für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft großen Schaden verursacht, ohne die Gesundheit der Menschen schützen zu können.

Ich schlug schon vor vier Wochen vor, alle nötigen Ressourcen dafür einzusetzen, die Risikopersonen wirksam vor einer Infektion zu schützen, indem sie von der Gesellschaft isoliert werden, während das Virus den Rest der Bevölkerung so schnell wie möglich durchinfizieren und immunisieren soll. Die Niederländer haben sich inzwischen für diesen Weg entschieden.

Warum sind wir in Deutschland und in vielen anderen Ländern auf einem Irrweg?

Covid-19 ist eine neuartige, von Viren ausgelöste Atemwegserkrankung. Was liegt also näher, als im medizinischen Bereich nach Lösungen gegen diese Krankheit zu suchen. Das hat unsere Bundesregierung getan, wie auch alle anderen Staatsregierungen. Mediziner erkennen die auftretenden Symptome, stellen treffende Diagnosen und geben wirksame Empfehlungen zur Therapie dieser neuen Krankheit. Sie schätzen die für die Therapie benötigten Kapazitäten ein und kommen im Vergleich mit den vorhandenen Kapazitäten zu dem folgerichtigen Schluss, dass der Infektionsverlauf verlangsamt werden muss, um möglichst allen Infizierten helfen zu können. Diese Argumentation ist schlüssig und nachvollziehbar und ist deshalb rasch in die Umsetzung gebracht worden – sogar viel früher als in anderen Ländern.

Leider lässt diese Vorgehensweise aber die Rückkopplungen auf wirtschaftliche und gesellschaftliche „Nebenwirkungen“ völlig außer Acht. Der Lösungsraum ist nicht weit genug aufgespannt worden. Es wurde offensichtlich nicht in Betracht gezogen, dass die Lösung durchaus auch Komponenten aus einem Bereich außerhalb der Medizin enthalten kann und sollte. Ein strukturierter Problemlösungsprozess, der über die Betrachtung linearer Ursache-Wirkungsbeziehungen hinausgeht, ist im Ansatz nicht erkennbar. Die dynamisch-komplexen Zusammenhänge zwischen den eingeleiteten Maßnahmen, dem Infektionsverlauf in der Bevölkerung, der Mortalität und den Auswirkungen auf die Wirtschaft, auf die Gesellschaft und auf die Staatsfinanzen sowie Nebenwirkungen, die sich aus den Freiheitseinschnitten ergeben, wurden offensichtlich nicht hinreichend einbezogen. Das Problem wurde monokausal betrachtet und mit einem einzigen, aus dem medizinischen Umfeld heraus entwickelten Ziel angegangen, nämlich die Infektionsrate zu verlangsamen. Eine integrierte Betrachtung hat gefehlt.

Insbesondere wurde die Entwicklung nicht zu Ende gedacht. Um eine Chance zu haben, alle infizierten Personen mit den verfügbaren Kapazitäten zu behandeln, muss der Infektionsverlauf laut Experten offenbar auf einen Zeitraum von 18 Monaten gestreckt werden. Einen so langen Zeitraum können weder die Wirtschaft noch die Gesellschaft überbrücken. Es hätte also klar sein müssen, dass diese Maßnahme gar nicht konsequent durchführbar ist. Im Wissen, die Mission nicht erfolgreich abschließen zu können, versenken wir nun immenses Kapital in Schadenskompensation und Reparatur, statt unmittelbar in den Ausbau der Infrastruktur investiert zu haben und ein anspruchsvolles Projekt zu organisieren, Risikopersonen wirksam zu schützen.

Vernehmbare Gegenargumente beziehen sich auf Schwierigkeiten, die mit der Umsetzung verbunden sein mögen. Wichtig ist aber doch, dass das Konzept überhaupt aufgehen kann. Es darf keine Entscheidung für ein falsches Konzept akzeptiert werden, nur weil dessen Umsetzung simpel wirkt. Aus einer ganzheitlichen Betrachtung unter Einbindung der Expertise aller relevanten Fachrichtungen können solche differenzierter angelegten, alternativen und gut abgestimmten Maßnahmenpakete entstehen, die greifen und wirtschaftlich, sozial und politisch verträglich sind. Mit der auf kybernetischen Prinzipien basierenden Methode der System-Dynamics können Zusammenhänge modelliert, Entwicklungen simuliert und wirksame Konzepte gemeinsam herauskristallisiert werden, die auch Langzeitfolgen berücksichtigen. Zur Umsetzung der sich aus einem „richtigen“ Konzept ergebenden Maßnahmen sind finanzielle Ressourcen und ein professionelles Projektmanagement gut angelegt.

Angesichts der sich bereits abzeichnenden fatalen Auswirkungen der Fehlentscheidungen bin ich äußerst betroffen und hoffe, dass die Politik das Ruder jetzt schnell in Richtung eines differenzierten Lösungsansatzes umlegt. Jede Stunde zählt.